Wichtige Informationen für Lipödem-Patient(inn)en

Der Ausdruck "Lipödem" stammt von Allen und Hines und wurde von ihnen 1940 geprägt. Sie verstanden darunter eine verstärkte Wassereinlagerung in Fettgewebe.
Von vielen Ärzten wird allerdings auch heute noch das Vorhandensein eines Lipödems bestritten, was deswegen nicht verwunderlich ist, da sogar oftmals lymphologisch erfahrene Ärzte Lipödeme, Lipohypertrophie, Lipodystrophie , Adipositas und Lymphödeme verwechseln.

Es gibt unsymmetrisch und symmetrisch auftretende Fettgewebsvermehrungen.

Von den symmetrischen Fettgewebsvermehrungen ist die Adipositas die häufigste, wobei es sich um eine generalisierte Fettgewebsvermehrung des Körpers besonders des Rumpfes, aber auch der Beine und Arme handelt.
Die Adipositas ist entweder durch Veranlagung, durch Überernährung oder beides bedingt und kann nur durch eine konsequente Kostreduktion und Sport gebessert werden.
Das Fettgewebe bei der Adipositas ist weich und zeigt keine objektive Beschwerdesymptomatik.
Die Betroffenen leiden im wesentlichen psychisch unter der entstellenden Körperform oder durch die Komplikationen des Übergewichtes.

Eine weitere Sonderform der Fettgewebsvermehrung ist die sogenannten Extremitäten-Lipohypertrophie, die nur Frauen betrifft und bei der es sich um eine anlagebedingte Fettgewebsvermehrung der Extremitäten handelt, welche beim Beinbefall auch das Gesäß mit einschließen kann.
Charakteristisch ist dabei, daß die Verdickungen der Beine und Arme immer erheblich stärker ausgeprägt sind als die Fettgewebsvermehrungen am Rumpf, daß also eine deutliche Disproportion zwischen den Verdickungen der Beine und der Arme gegenüber dem Rumpf bestehen, eine Fettverteilungsstörung.

Diese Lipohypertrophie betrifft nur ganz selten Männer und zwar in Fällen von schwerem Androgenmangel, wie z. B. nach beidseitiger Hodenentfernung.

Die Lipohypertrophie manifestiert sich meist in der Pubertät, nach Schwangerschaften, manchmal aber erst um die Menopause. Die reine Form der Lipohypertrophie ohne zusätzliche Adipositas des Rumpfes beobachtet man bei 10% bis 20 % der Lipödeme.

Die Lipohypertrophie tritt in verschiedenen Formvarianten auf, wobei an den Beinen entweder nur die Oberschenkel betroffen sind oder die Fettgewebsvermehrungen bis zur Mitte der Unterschenkel oder im ausgedehntesten und häufigsten Fall bis zu den Knöcheln reichen.
In allen Fällen kann das Gesäß zusätzlich mit verdickt sein. Fast ausschließlich sind die Füße und Zehen verdickungs- oder ödemfrei.
An den Armen finden wir entweder symmetrische Verdickungen der Oberarme oder aber der gesamten Arme, wobei diese Verdickungen im Bereich der Handgelenke enden, so daß die Hände und Finger ebenfalls fast immer verdickungs- und ödemfrei sind.Durch diätetische Maßnahmen ist nur eine Verbesserung der Fettgewebsverdickungen zu erwarten, wenn zusätzlich eine Adipositas besteht, was an der Dicke des Rumpffettgewebes erkennbar ist.
Bei den Patienten, bei denen der Rumpf sehr schlank ist und somit keinerlei Adipositas besteht wird auch durch strengste Diät keine weitere Reduktion der Lipohypertrophie erreicht werden können.
Diese würden eher den Hungertod sterben, als daß die Beine oder Arme erheblich dünner würden.

Therapeutisch haben sich Fettgewebsreduktionsoperationen nicht bewährt, zumal bei einem Teil der betroffenen Patienten durch Zerstörung von Lymphbahnen sekundäre Lymphödeme zusätzlich erzeugt wurden.

Die einzige erfolgversprechende Therapie, um diese Extremitätenfett-gewebsvermehrungen zu reduzieren, ist die Liposuktion.

Wichtig ist, die an einer Lipohypertrophie mit zusätzlicher Adipositas leidenden Patienten zu motivieren, eine Reduktionskost und Sport durchzuführen, denn die zusätzliche Adipositas verschlechtert die Umfangsmaße der Lipohypertrophie-Extremitäten zusätzlich.

Für das Lipödem der Beine ist besonders charakteristisch eine Druckempfindlichkeit im Bereich der Knieinnenseiten, im Bereich der Fettgewebssäcke unterhalb der Knie und direkt oberhalb der Knöchel. An den Armen ist meist eine Druckempfindlichkeit der Oberarmhängefalten und der Fettgewebsverdickungen direkt oberhalb der Handgelenke festzustellen. Erst in dem Moment, wenn diese typischen Lipödembeschwerden auftreten und damit das Lipödem manifest ist, ist auch die physikalische Ödemtherapie ( auch komplexe physikalische Entstauung = KPE genannt) indiziert, welche aus den Komponenten Manuelle Lymphdrainagetherapie und Kompressionsbehandlung besteht.

Daß bei einem Lipödem tatsächlich eine Ödematisierung besteht, kann auch daraus ersehen werden, daß durch eine solche physikalische Ödemtherapie unter stationären Bedingungen je Bein durchschnittlich etwa 1200 ml Ödemwasser herausdrainiert werden können, wogegen bei einer vom Volumen vergleichbaren Lipohypertrophie ohne Beschwerdesymptomatik allenfalls eine Volumenabnahme von ca. 500ml zu erzielen ist. Dabei muß beachtet werden, daß die Volumenreduktion der Beine mit der Gewichtsabnahme identisch sein muß, da durch eine höhere Gewichtsabnahme eine Pseudoödemabnahme vorgetäuscht würde. Typisch ist auch nach einer physikalischen Behandlung eines solchen Lipödems, daß das vorher pralle Fettgewebe weicher wird.
Durch eine 3-4wöchige stationäre lymphologische Behandlung ist fast jeder Lipödempatient beschwerdefrei zu bekommen.

Da das Lipödem immer nur aus einer Lipohypertrophie hervorgeht, sind die Formvarianten des Lipödems identisch mit denen der Lipohypertrophie.

Zur Volumenreduktion kann auch beim Lipödem wie bei der Lipohypertrophie die Liposuktion eingesetzt werden.
Es ist jedoch dabei zu bedenken, daß die ödembedingten Beschwerden durch dieses Vorgehen manchmal nicht verschwinden und die Patienten trotz Liposuktion behandlungsbedürftig durch MLD und eine Kompressionsbestrumpfung bleiben.

Differentialdiagnostisch muß das Lipödem mit geringer Ausprägung vom symmetrischen Lymphödem der Beine und vom idiopathischen und orthostatischen Ödem beim Adipösen abgegrenzt werden.

Beim idiopathischen Ödem ist charakteristisch eine morgendliche Schwellungssymptomatik auch im Bereich der Hände und des Gesichtes und beim orthostatischen Ödem ist ein nur belastungsabhängiges Spannungsgefühl der Unterschenkel auffallend.

Das echte Lipödem dagegen ist dauernd mehr oder weniger schmerzhaft, wobei naturgemäß entsprechend der Schwerkraft die Beine am Abend die stärkste Beschwerdesymptomatik zeigen.

Die Arme alleine waren äußerst selten, nämlich nur in 3% der Fälle befallen.
Es ist eine Tatsache, daß die Diagnose eines Lipödems viel zu häufig gestellt wird, da es in der Regel nicht von der Lipohypertrophie differenziert wird.
Diese Differenzierung ist aber wichtig, da allein das Lipödem auf eine physikalische Ödemtherapie (MLD und Kompressionsbehandlung) anspricht, wogegen die von vornherein beschwerdefreie Lipohypertrophie keiner physikalischen Therapie bedarf.
Bei zusätzlicher Adipositas ist eine kalorienreduzierte Kost notwendig. Das Ansprechen eines Lipödems auf die physikalische Ödemtherapie ist gut und führt bei den meisten Patienten durch eine stationär lymphologische Behandlung zu einer völligen Beschwerdefreiheit.
Aber das Erreichen einer Beschwerdefreiheit bedeutet nicht, daß die physikalische Ödemtherapie dann beendet wird, da es sonst sofort zu einem Nachlaufen des Ödems und zum erneuten Auftreten der Beschwerden kommen würde.

Es ist daher auch ambulant regelmäßig eine Kompressionsbestrumpfung tagsüber erforderlich und entsprechend der Beschwerdesymptomatik auch MLD.


Literatur:
1. Schuchhardt, C., U. Herpertz: Lymphologische Terminologie, Lymphforsch 4 (1) 2000; 31-33
2. Herpertz, U.: Das Lipödem, Lymphologie 1995; 19:1-7.
3. Herpertz, U.: Ödeme und Lymphdrainage, Schattauer Verlag, Stuttgart 2003,
Seite 164-177
4. Schrader, K.: Das Lipödem und was Sie darüber wissen sollten; Broschüre der Firma Juzo, 86551 Aichach.
5. Strößenreuther, R.H.K.: Lipödem und Cellulitis; Viavital Verlag Köln, 2001 Seite 54.


Links
www.ödemkrankheiten.de (alle Ödemkrankheiten in der Übersicht)
www.ödemforum.de (Texte von wissenschaftlichen Veröffentlichungen)
www.lymphnetz.net (alle Informationen auf dem Gebiet der Lymphologie)
www.lymphologica.de (Liste deutschsprachiger Veröffentlichungen)
www.lymphologe.net (Listen der Lymphologen)
www.lipohypertrophie.net (Differenzialdiagnose zum Lipödem)